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Kapitel 50 (Ariean)

~ Bills Sicht ~

Wum.
Wie eine Bombe schlägt es in meinen Kopf, in meine Wahrnehmung und in meinen Verstand. Ich bin nicht mehr mit Gustav zusammen, er hat gerade wirklich schluss gemacht. Er hat schluss gemacht?  Wirklich, oder befinde ich mich doch nur in einem unendlich schrecklichen Traum, aus dessen Erwachen der einzige Weg zur Erlösung wäre?

Ich fühle mich wie nach einem verlorenen Krieg, wie der Verlierer, der sich, um nicht den Feinden zum Opfer zu fallen, den letzten Gnadenstoß an sich selbst erteilt. Ich habe zugestimmt in meiner Rage, ich war sauer und würde es nun nicht in meinem ganzen Kopf dröhnen und hämmern- würden nicht gerade sämtliche Bomben von meiner hohen Wolke auf mein kleines erbautes Glück fallen und es rücksichtslos zertrümmern, dann würde ich wohl merken, dass mir die Tränen in die Augen steigen und langsam zu rollen beginnen.

Doch ich merke es nicht, sehe nur die Zerstörung in mir, sehe nur das Schlachtfeld und will weg. Wie ist es dazu nur wieder gekommen? Wie habe ich es geschafft? Wie habe ich mir selbst den Krieg erklärt, dich hinein gezogen und es zum Gefecht zwischen dir und mir werden lassen? Wieso liege ich nun blutend im Dreck und kein Arzt kein Helfer, nicht mal du bist da, der mir die Hand reicht und mir aufhelfen will.

Als ich merke, dass die Tränen bereits mein Kinn hinunter tropfen ist es zu spät. Ich realisiere wieder die Menschen um mich herum, sehe ihre aufgebracht- freudigen Gesichter mit dem triumphalen Lächeln, das nächste Foto für die Bild geschossen zu haben und lasse resigniert den Kopf hängen. Es ist eh zu spät, zu retten, was noch zu retten ist, lohnt sich nicht mehr. Als Schiffsbrüchiger schwimme ich allein zwischen den Holzplanken des untergegangenen Schiffes, als Verwundeter liege ich in der niedergebrannten, verwüsteten und ausgeraubten Stadt. Was hat es da noch für einen Sinn irgendetwas von mir zu geben?

Ich stehe auf und verlasse das Café. Ich will zurück, aber irgendwie auch nicht. Ich will zurück zu dir, kann mit den Verletzungen aber nicht laufen. Ist es meine Schuld, dass es soweit gekommen ist? Habe ich überreagiert, habe ich diesen Streit provoziert? Kann ich von dir wirklich verlangen, dass es dir nicht peinlich ist, mit mir über deine Bedürfnisse und unser Sexleben zu reden? Ja, das kann ich, doch die Erkenntnis, vielleicht doch etwas übertrieben zu haben kommt trotzdem- und zu spät. Nun kann ich auch nichts mehr damit anfangen, als jämmerlich mit anzusehen, wie das Blut aus den mir selbst zugefügten Wunden sickert. Ich bin Masochist. Wahrscheinlich kann ich es nicht anders, kann es nicht unkompliziert und einfach, obwohl ich es will.

Und trotz jedes Widerspruchs, den ich mir gegeben habe, stehe ich nun wieder hier im Loft und halte nach dir Ausschau, nur um vor dir zu fliehen, bei deinem Anblick wieder ins Brodeln zu geraten und mir nicht weiterhin die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wir beide sind es wohl, wir beide machen es uns nicht leicht, doch will ich es nicht hören, dass auch ich Mitschuldiger bin. Wo ist meine heile Welt? Wo hab ich sie verloren, nachdem unser Erfolg angefangen hat? Oder hab ich in all meinem Übermut geglaubt, ich bräuchte sie nicht mehr und hab sie achtlos weggeschmissen?

"Bill was sollte das eben?“ Tom steht plötzlich vor mir, mustert mich vorwurfsvoll und stemmt seine Hände in die Hüften. Er wirkt auf mich wie das jüngste Gericht: prüfend, eiskalt und Qualen bringend. Noch ein Anschuldiger, außer meinem Gewissen, noch eine Last mehr, die sich auf mich schiebt.

"Gustav ist auch eben wieder gekommen, er sah ganz schön fertig als. Was ist passiert? Was hast du gemacht? Meinst du nicht, du hast übertrieben?“

Eins, zwei, drei, vier Messer, die er mich spüren lässt und die mich erzittern lassen. Ich antworte nicht, schaue weg, kann ihm nicht in die Augen sehen. Was soll ich machen? Wie kann ich das wieder gut machen? Gibt es überhaupt ne Chance etwas wieder gut zu machen? Mit einem hattest du jedenfalls Recht, die kurze Zeit die wir zusammen waren gab es schon so viele Krisen, dass es überhaupt ein Wunder ist, dass wir sie bis vorhin überstanden haben. Der Druck der Öffentlichkeit hängt wie ein böses Omen über uns, dass uns jedes bisschen Freude und Glück zerstören will, hätte es einen Sinn, es noch mal zu versuchen?

Aber ich will nicht daran denken, dass es jetzt vorbei sein soll. Es gab auch schöne Momente mit dir. Momente, ohne Streit und Probleme und in denen hab ich mich so wohl gefühlt, dass ich sie wieder haben möchte. Ich möchte dich wieder haben, bin aber trotzdem zu feige nun zu dir zu gehen. Bin zu trotzig, um vor dir zuzugeben, dass es mir ebenfalls nicht leicht fiele, dir so etwas direkt ins Gesicht zu sagen.

„Ach lass mich doch Tom!“ Ich schiebe mich an meinem Bruder vorbei und gehe mit gesenktem Kopf Richtung Treppe. Vor ihr bleibe ich stehen, schaue die Stufen hinauf in den ersten Stock. Sie wirken mächtig und weit, als ob ich einen Berg bezwingen müsste, um an mein Ziel zu kommen, einen Berg voller Tücken und Engen, doch ich habe diesen Berg zu besteigen.

Mit jeder Stufe, die ich meinem Ziel näher komme klopft mein Herz lauter und der Kloß in meinem Hals wächst Schritt für Schritt. Was ist, wenn du mich gleich raus wirfst, mir nicht zuhörst, wir nie wieder vernünftig miteinander umgehen können? Was mach ich dann? Was wird dann aus uns - aus uns als Band? Wie wird David das Ganze auffassen, wie soll ich ihm das erklären und wie wird er reagieren, wenn die Schlagzeile morgen groß über unseren Köpfen prägt?

Eine Gänsehaut ziert meinen Körper, als ich vor deiner Zimmertür stehe und sie ohne Ankündigung einfach öffne. Du sitzt auf dem Bett, deine Hände verbergen dein Gesicht und anscheinend hast du mich noch nicht bemerkt.

Bedächtig gehe ich auf dich zu, bleibe kurz vor dir stehen und stecke dann vorsichtig meine rechte Hand aus. Sachte berühre ich deine Schulter und zucke sogleich auch wieder zurück, als du die Hände vom Gesicht reißt und aufschaust. Meine Tränen kommen zurück, überfluten mich und ziehen mich noch weiter ins offene Meer. Ich sehe es in deinen Augen: Die Zerstörung, die ich zu verantworten habe steht dir ins Gesicht geschrieben und verzweifelt mache ich einen Schritt rückwärts.

„Bill.“ Deine Stimme klingt brüchig und dennoch bestimmt.

„Gustav, es… es tut mir leid!“ Stille. „Wirklich!“

Ich sehe, wie du Luft  holst, zum Sprechen ansetzt und wieder ausatmest. Du schaust auf den Boden, willst mich nicht anschauen. Bitte, bitte sieh mich doch an!

„Sie doch ein“, wisperst du leise. „Entweder wir streiten nur, oder es passiert etwas, dass uns in der Öffentlichkeit wieder schlecht dastehen lässt. Das Ganze hat doch keinen Sinn me…“

Ich kann und will das nicht hören, kann diese Worte nicht ertragen und mache blitzschnell den eben zurückgewichenen Schritt wieder nach vorne und verschließe deine salzigen Lippen mit meinen. Das meinst du doch nicht ernst, oder?!

 

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